Heute vor 60 Jahre: Die Löwen sind Deutscher Meister!

Am 28. Mai 1966 reckte Kapitän Peter Grosser im Grünwalder Stadion die Meisterschale in die Höhe. Damit war der TSV München von 1860 Deutsche Meister. Claus Melchior skizziert den Weg der Löwen dorthin in der Saison 1965/1966.

Als der Bundestag des DFB am 28. Juli 1962 in Dortmund die Einführung einer bundesweiten obersten Liga ab der Saison 1963/64 beschloss, konnten sich wohl die wenigsten Fußballfans und Experten vorstellen, dass der Meister der dritten Bundesligasaison 1965/66 aus München kommen und TSV 1860 heißen würde. Eher stellte sich die Frage, ob die Löwen dem neuen Oberhaus überhaupt angehören würden.

Die Münchner Vereine hatten in der seit 1945 bestehenden Oberliga Süd keine Bäume ausgerissen; einzig den Löwen war es einmal gelungen, als Tabellenzweiter die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft zu erreichen, aber das war 1948 und lag schon lange zurück. Erschwerend kam hinzu, dass sicher nur ein Münchner Klub zu den fünf auserwählten Bundesligisten gehören würde, die dem süddeutschen Verband zugestanden worden waren. In den fünf Spielzeiten von 1957/58 bis 1961/62 hatten die Löwen zwar dreimal vor dem Lokalrivalen von der Säbener Straße gelegen, die Tabelle der gerade beendeten Saison 1961/62 hingegen fand den FC Bayern auf Rang 3 und den TSV 1860 vier Plätze dahinter.

Doch Trainer Max Merkel hatte einen Plan. Der Wiener war 1961 vom 1. Vorsitzenden des TSV 1860 Adalbert Wetzel aus Dortmund an die Isar geholt worden und hatte den BVB in der Saison 1960/61 ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft geführt. Ziel musste es sein, in der letzten Saison vor Einführung der Bundesliga in der Oberliga Süd als Erster abzuschließen, denn dem aktuellen süddeutschen Meister konnte der DFB die Aufnahme in die Bundesliga kaum verweigern. Und genau so kam es: die Löwen mischten von Anfang oben mit, übernahmen im Januar endgültig die Tabellenspitze und holten schlussendlich mit drei Punkten vor dem 1. FC Nürnberg und vier Punkten vor dem FC Bayern die Süddeutsche Meisterschaft. Es war der erste Meistertitel dieser Art für die Löwenfußballer; selbst in ihrer bisher besten Zeit von 1927 bis 1933, als sie sich mehrfach für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft qualifizierten und 1931 sogar das Finale erreichten (das gegen Hertha BSC Berlin verloren ging), hatte es nie zu diesem Titel gereicht. Einen nicht unerheblichen Beitrag leisteten Rudi Brunnenmeier mit 23 Toren, sowie ein neuer Torwart, den Merkel von Wormatia Worms geholt hatte, ein weitgehend unbekannter Jugoslawe namens Petar Radenkovic. In der Meisterschaftsendrunde verwehrten die Dortmunder Borussen den Löwen zwar den Einzug ins Finale, wichtiger jedoch: der DFB benannte den TSV 1860 als eines der sechzehn Gründungsmitglieder der Bundesliga!

Die Saison 1962/63 markierte den Beginn der Goldenen Jahre des Fußballs bei 1860. Die erste Bundesligasaison brachte einen respektablen siebten Platz und zudem mit dem DFB-Pokalsieg einen weiteren Titel. Im Jahr darauf, 1964/65, erreichte das Team nicht nur das Finale im Europapokal der Pokalsieger, das im Londoner Wembley-Stadion gegen West Ham United verloren ging, sondern rückte in der Bundesliga auf Platz 4 vor.

Gehörten die Löwen damit zu den Favoriten für die Saison 1965/66? Zum erweiterten Favoritenkreis auf jeden Fall. Topfavorit war sicher der 1. FC Köln, die dominante Mannschaft der ersten Hälfte der Sechzigerjahre; auch Werder Bremen, Überraschungsmeister von 1965, wurden Chancen auf die Titelverteidigung eingeräumt; hoch im Kurs stand zudem Borussia Dortmund, Nachfolger der Löwen als DFB-Pokalsieger. Zusammen mit 1860 bildeten diese Vereine ein Quartett, dem landläufig die besten Titelchancen eingeräumt wurden.

Wie vor jeder Saison hatte es auch diesmal Veränderungen im Kader gegeben. Bedeutende Abgänge waren nicht zu verzeichnen: Nationalspieler Berti Kraus kehrte nach zwei Jahren in München zu seinem Stammverein, den Offenbacher Kickers, zurück, und Stefan Bena machte eine Ausländerstelle frei. Er war in der vergangenen Saison jedoch nur neunmal zum Einsatz gekommen, Kraus gar nur fünfmal. Unter den Neuzugängen befand sich mit Nationalspieler Friedhelm "Timo" Konietzka von Borussia Dortmund ein echter Hochkaräter und auch der Jugoslawe Zeljko Perusic hatte sich als Nationalspieler und Olympiasieger von 1960 einen Namen gemacht. Ebenfalls neu dabei, jedoch eher als Ergänzungsspieler eingeplant, waren Ludwig "Bubi" Bründl aus dem eigenen Nachwuchs, ein weiterer Nachwuchsspieler namens Alfred Kohlhäufl von der SpVgg Plattling sowie Helmut Richert von der SG Düren 99.

Zum Kader gehörten damit die folgenden Spieler: Ludwig Bründl, Rudolf Brunnenmeier, Hans Fischer, Peter Grosser, Alfred Heiß, Wilfried Kohlars, Alfred Kohlhäufl, Friedhelm Konietzka, Hans Küppers, Otto Luttrop, Bernd Patzke, Zeljko Perusic, Petar Radenkovic, Hans Rebele, Hans Reich, Helmut Richert, Rudolf Steiner, Wilfried Tepe, Manfred Wagner, Ernst Winterhalter, Rudolf Zeiser.

Höhepunkt der Vorbereitung war die Europapokalrevanche gegen West Ham United, ein Flutlichtspiel am 9. August 1965, das vor 35.000 Zuschauern im Sechzgerstadion mit 1:1 endete. Sechs Tage zuvor hatte es eine 2:3-Niederlage gegen die rumänische Nationalmannschaft gegeben; Ende Juli war hingegen mit Sparta Prag ein weiterer Internationaler Gegner mit 3:1 besiegt worden.

Der Bundesligaauftakt am 14. August 1965 brachte gleich einen Paukenschlag, das erste Lokalderby seit 1963. Der FC Bayern hatte sich im Sommer 1965 im zweiten Anlauf in der Aufstiegsrunde durchgesetzt, zusammen mit Borussia Mönchengladbach, historisch betrachtet sicherlich das beste Aufsteigerduo aller Zeiten. 44.000 Zuschauer im prall gefüllten Sechzigerstadion sahen auch zu Spielbeginn einen Paukenschlag, denn Timo Konietzka traf gleich in der ersten Minute zum Führungstor für den TSV 1860. Es sollte der einzige Treffer des Spiels bleiben. In einer überaus ruppigen Partie behielten die Löwen mit 1:0 die Oberhand.

Es folgten ein überzeugendes 4:1 beim Nürnberger Club, und mit einem deutlichen 5:0 gegen Hannover 96 übernahm das Team erstmals die Tabellenspitze. Nicht für lange, denn am vierten Spieltag setzte es beim 1. FC Kaiserslautern eine deutliche 0:3-Niederlage. Auch beim 0:0 im nächsten Heimspiel gegen den VfB Stuttgart blieben die Löwen sieg- und torlos. Wer nun Schlimmes befürchtete, sah sich jedoch getäuscht. Die Niederlage auf dem Betzenberg sollte die einzige der Vorrunde bleiben, und nach dem Stuttgart-Spiel wurden nur noch bei Unentschieden in Braunschweig und Mönchengladbach jeweils ein Punkt abgegeben. (1965/66 galt noch die Zweipunkteregelung.) Die Mitfavoriten aus Köln und Dortmund mussten beide jeweils mit einer 2:1-Niederlage aus München nach Hause fahren. Mitte Oktober, nach einem sicheren 2:0 bei Titelverteidiger Werder Bremen, grüßten die Löwen erneut von der Tabellenspitze. Den Abschluss der Vorrunde bildete ein 1:1 am 29. Dezember 1965 in einem Nachholspiel bei Borussia Mönchengladbach. Das bedeutete: "Herbstmeister" mit drei Punkten Vorsprung vor den überraschend starken Bayern und dem BVB.

Die Serie von insgesamt dreizehn ungeschlagenen Spielen sollte zum Rückrundenauftakt im Lokalderby ein jähes Ende nehmen. 3:0 hieß es am Ende eines diesmal überaus fairen Spiels für den Liganeuling, der mit dem schneebedeckten Spielfeld – eigentlich eine Spezialität der Löwen – deutlich besser zurechtkam. Es folgte eine Serie von fünf Spielen, in denen einzig in Hannover ein Sieg heraussprang, und auch dies nur, weil der Radi im Tor sich in überragender Form präsentierte. Im März konnte mit Siegen gegen Werder und bei Schalke 04 der Anschluss an die Tabellenspitze gehalten werden, die inzwischen Borussia Dortmund übernommen hatte. Auch die Bayern mischten hartnäckig weiterhin vorne mit.

Die nach den beiden Siegen gewachsenen Titelhoffnungen der Löwen erlitten mit einem 2:5 bei der Frankfurter Eintracht umgehend einen Dämpfer. Nun war sogar der Lokalrivale vorbeigezogen, auch wenn die Abstände eng blieben. Dem Debakel von Frankfurt folgte ein enttäuschendes Heimunentschieden gegen Eintracht Braunschweig. Die nächsten Gegner waren die Abstiegskandidaten 1. FC Kaiserslautern, Borussia Neunkirchen und Tasmania Berlin. Mit drei Siegen blieben die Sechziger auf Kurs. Nach dem Spiel gegen Tasmania stand mit Borussia Dortmund, dem FC Bayern und dem TSV 1860 ein Trio punktgleich an der Tabellenspitze, von dem die Löwen trotz des 9:1-Rekordsieges in Neunkirchen das schlechteste Torverhältnis aufwiesen.

Vier Spieltage standen noch aus und mit enttäuschenden Unentschieden beim Karlsruher SC, ebenfalls ein Abstiegskandidat, und daheim gegen Borussia Mönchengladbach versäumten es die Löwen, sich einen Vorsprung auf den Konkurrenten aus Dortmund zu verschaffen. Nach 32 Spieltagen standen die Borussen und 1860 immer noch punktgleich ganz oben, mit einem Punkt dahinter der FC Bayern. Das bessere Torverhältnis wies der BVB auf, der gerade das geschafft hatte, was den Löwen im Jahr zuvor verwehrt geblieben war, nämlich den Europapokal der Pokalsieger zugewinnen. Nur dieses Trio konnte sich noch Hoffnungen auf den Meistertitel machen; alle anderen Vereine waren rechnerisch aus dem Rennen.

Dem Rückspiel der beiden Tabellenführer am vorletzten Spieltag im Stadion Rote Erde kam also entscheidende Bedeutung zu. Und tatsächlich, an jenem 21. Mai 1966 zeigten die Löwen ihre beste Saisonleistung und gewannen überzeugend mit 2:0. Rudi Brunnenmeier in der 66. Minute und Peter Grosser in der 89. Minute waren die Torschützen, während Petar Radenkovic mit seinen Paraden zum Garanten des Sieges wurde. Dieses Ergebnis bedeutete die Rückkehr an die Tabellenspitze, nun mit zwei Punkten Vorsprung auf den gerade bezwungenen Rivalen. Das bessere Torverhältnis wies allerdings weiterhin Borussia Dortmund auf, denn damals galt noch das Divisionsverfahren (d.h. erzielte Tore wurden durch erhaltene geteilt) und dieser Quotient sprach gegen die Löwen, auch wenn sie die bessere Tordifferenz aufwiesen. Doch sie hatten es selbst in der Hand: ein Unentschieden am letzten Spieltag würde reichen. Der FC Bayern hatte nach einer Heimniederlage an vorletzten Spieltag nun drei Punkte Rückstand und konnte nicht mehr eingreifen.

Wie zum Saisonauftakt war das Stadion an der Grünwalder Straße auch beim letzten Spiel am 28. Mai 1966 gegen den Hamburger SV mit 44.000 Zuschauern voll besetzt. Es sollte ein insgesamt sorgenfreier Nachmittag für Spieler, Betreuer und Fans werden, denn Rudi Brunnenmeier traf bereits in der sechsten Minute zur Führung. Der BVB hingegen schien sich bereits aufgegeben haben und schlidderte bei der Frankfurter Eintracht zu einer 1:4-Niederlage. Da konnten die Löwen den HSV-Ausgleich in der 75. Minute durch Uwe Seeler zum 1:1-Endergebnis leicht verkraften. Der Deutsche Meister hieß TSV München 1860 und Kapitän Peter Grosser konnte stolz die Meisterschale präsentieren.

Wider Erwarten präsentierte sich der Himmel über München an diesem Festtag keineswegs in strahlendem Blau. Im Gegenteil, es regnete in Strömen, als die Mannschaft sich im Autocorso auf den Weg vom Stadion zum Marienplatz machte, wo sie von Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel empfangen wurde. Am Abend ging es ins Fernsehstudio nach Freimann zu einer Schaltung ins ZDF-Sportstudio. Und auch in den nächsten Tagen fanden die Feierlichkeiten kein Ende; so lud der Verein am 2. Juni zu einer "Ehrenfeier" im Löwenbräukeller.

Damit hatte eine Geschichte, die in ihrer ersten Hälfte einen grandiosen Verlauf genommen hatte, ein gutes Ende gefunden, weil die Mannschaft im entscheidenden Moment da war und so den holprigen Verlauf des zweiten Teils vergessen ließ.

Die Statistik belegt, dass die Löwen in vielen Bereichen an der Spitze mitmischten. Nach dem letzten Spieltag wiesen sie nicht nur das beste Punktkonte sondern nun auch das beste Torverhältnis auf. Platz 1 auch in der Auswärtsbilanz, und ebenso in den Spielen des Führungstrios untereinander, in denen die Löwen drei Siege in vier Spielen erzielten. In der Torschützenliste waren die besten Löwen ebenfalls vorne dabei: Als Zweitbester Timo Konietzka mit 26 Toren, als Vierter Peter Grosser mit 18 und als Zehnter Rudi Brunnenmeier mit 15. Geholfen hatte natürlich auch die Unterstützung durch die Fans, nur ein Verein wies diesbezüglich ein bessere Bilanz auf. Nach offiziellen Zahlen besuchten 498.385 Zuschauer die Spiele des TSV 1860, was einen Durchschnitt von 29.316 Zuschauern ergibt.

Bemerkenswert nicht zuletzt, dass Trainer Max Merkel in den 34 Bundesligaspielen nur 15 Spieler einsetzte. Hier ist zu berücksichtigen, dass damals noch nicht ausgewechselt werden durfte, während heute bei voller Ausschöpfung des Wechselkontingents in einem einzigen Spiel mehr Spieler zum Zuge kommen. Doch die Zahl ist auch ein Indikator dafür, dass die Löwen im Verlauf der Saison weitgehend von Verletzungen verschont blieben. Kein Spieler wurde des Feldes verwiesen, so dass auch keiner gesperrt wurde.

Neben der Bundesliga trat der TSV 1860 in jener Saison noch in zwei weiteren Wettbewerben an. Im DFB-Pokal bedeutete ein 0:4 bei Werder Bremen das Aus in der 1. Runde, was ins Bild des wenig erbaulichen Januars passte. Im Messepokal (dem Vorläufer des späteren UEFA-Pokals, heute Europa League) ging es über Malmö FF, Göztepe Izmir und Servette Genf bis ins Viertelfinale, wo ein 0:1 beim FC Chelsea die Endstation bedeutete, nachdem das Hinspiel in München 2:2 ausgegangen war. Auch in den Spielen dieser beiden Wettbewerbe kamen nur jene fünfzehn Spieler zum Einsatz, die auch die Bundesligaspiele bestritten hatten.

Von diesen 15 Spielern leben heute leider nur noch vier: Petar Radenkovic, Fredi Heiß, Hansi Reich und Bernd Patzke. Der TSV 1860 ist stolz auf Euch, wie natürlich in gleichem Maße auf die Verstorbenen und alle anderen Spieler, die zum Kader gehörten, unsere Meisterlöwen. Sie alle, wie natürlich auch das Trainergespann, angeführt von Max Merkel, haben es möglich gemacht, dass unser Verein auf der Meisterschale verewigt werden konnte.


Copyright 2026, TSV München von 1860 e.V.
Einstellungen gespeichert

Datenschutzeinstellungen

Herzlich Willkommen beim
TSV 1860 München e.V.

  • • Meinungen tolerieren.
  • • Satzung respektieren.
  • • 50+1 akzeptieren.

 

user_privacy_settings

Domainname: tsv1860.org
Ablauf: 30 Tage
Speicherort: Localstorage
Beschreibung: Speichert die Privacy Level Einstellungen aus dem Cookie Consent Tool "Privacy Manager".

user_privacy_settings_expires

Domainname: tsv1860.org
Ablauf: 30 Tage
Speicherort: Localstorage
Beschreibung: Speichert die Speicherdauer der Privacy Level Einstellungen aus dem Cookie Consent Tool "Privacy Manager".

ce_popup_isClosed

Domainname: tsv1860.org
Ablauf: 30 Tage
Speicherort: Localstorage
Beschreibung: Speichert, dass das Popup (Inhaltselement - Popup) durch einen Klick des Benutzers geschlossen wurde.


Eclipse.outdated-browser: "confirmed"

Domainname: tsv1860.org
Ablauf: 30 Tage
Speicherort: Localstorage
Beschreibung: Speichert den Zustand der Hinweisleiste "Outdated Browser".
You are using an outdated browser. The website may not be displayed correctly. Close