Junglöwen setzen weiterhin bewusst auf ihre jüngsten Teams.

Die Diskussionen zum Thema „Abschaffung des Grundlagenbereichs“ in einem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) werden immer lauter und erste Vereine haben ihre jüngsten Mannschaften bereits abgemeldet. Der TSV 1860 München geht einen anderen Weg. Und dies ganz bewusst. „Die Bayerische“ Junglöwen werden weiterhin auf ihre jüngsten Teams setzen.

Der Leistungsdruck sei zu hoch, die Anfahrt zu weit und man könne keine anderen Sportarten mehr ausüben, lauten die Hauptargumente derjenigen, die für eine Abschaffung der jüngsten Teams in einem NLZ plädieren.

Doch ist das nicht zu einfach und verallgemeinert gedacht? Steckt vielleicht auch etwas anderes dahinter? Und was ist überhaupt mit Kindern, die Lust auf Leistungssport haben, die Lust darauf haben, sich mit den Besten zu vergleichen, die Lust darauf haben, mit ebenfalls hochtalentierten Jungs gemeinsam Fußball zu spielen, die einfach Lust darauf haben, in einem Nachwuchsleistungszentrum zu sein? Nimmt man diesen Kindern nicht eine Möglichkeit sich selbst auszuleben?

„Für mich wäre es undenkbar gewesen, nicht in einem NLZ zu spielen. Dafür war ich viel zu ehrgeizig, das hätte dann weder mir noch meinen Mitspielern Spaß gemacht. Es war für mich immer ein großartiges Gefühl mich mit den Besten messen zu dürfen. Zudem wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin. Diese Ausbildung, sowohl persönlich als auch sportlich, denn ich war nie der beste Fußballer, würde mir unglaublich fehlen und ich hätte diese ersten Jahre nicht mehr aufholen können“, reflektiert Maximilian Rothdauscher, U19-Keeper der Junglöwen, der seit der U10 im 1860-NLZ ist.

„Das Thema Leistungsdruck ist kein allgemeingültiges Argument für uns. Denn das hat jedes NLZ, jeder Verein, selbst in der Hand. Es liegt allein an der Philosophie des Vereins, dem Verhalten der Verantwortlichen und Trainer und dem daraus resultierendem Umgang mit den Kids. Uns ist beispielsweise enorm wichtig, dass sich die Familien wohlfühlen und die Jungs immer mit einem Lächeln zu uns kommen. Das ist das A und O“, erklärt Ludwig Schneider, Koordinator des Grundlagenbereichs im Nachwuchsleistungszentrum „die Bayerische“ Junglöwen.

„Und natürlich ist neben der offenen Kommunikation auch die Sicherheit und Durchlässigkeit ein weiterer wesentlicher Faktor. Wenn ich nämlich weiß, dass ich mich mit höchster Wahrscheinlichkeit viele Jahre in Ruhe ausbilden lassen kann, auf der Grundlage einer hohen Ausbildungsqualität und jahrelanger Erfahrung des Vereins und seiner hochqualifizierten Mitarbeiter, hilft das den Jungs und Familien enorm. Und all das ist bei uns gegeben. Für diese nachhaltige Entwicklung und Förderung jedes Einzelnen unserer Talente ab der U9 bringen wir täglich all unserer Energie, Freude, Qualität und Wissen ein“, ergänzt Schneider.

Dass diese Nachhaltigkeit nicht nur ein subjektives Empfinden ist, belegen Ergebnisse einer Analyse zum Grundlagenbereich mit objektiven Zahlen. In der heutigen Löwen-U19 spielen beispielsweise immer noch fünf von zehn Spielern, die bereits dem damals jüngsten Junglöwen-Team, der U10, angehörten. Wenn man alle Junglöwen-Spieler der Jahrgänge 2008 bis 2002, die schon im Grundlagenbereich in das Löwen-NLZ gewechselt sind, betrachtet, haben diese sogar eine prozentuale Maximal-Verweildauer von 75%.

Das Argument der langen Anfahrt ist natürlich berechtigt, doch wiederum etwas zu einfach gedacht. Denn erstens berät das NLZ die Familien, die eine längere Anfahrt betreffen würde, sehr ausgiebig und versucht dabei die für die jeweilige Familie bestmögliche Lösung zu finden. Nicht immer ist ein Wechsel ins NLZ aufgrund der Entfernung sinnvoll, weshalb hiervon auch mal abgeraten und eine alternative Lösung gesucht wird. Es gibt auch Familien, die es dennoch versuchen wollen.  Zweitens verlagert eine Abschaffung der jüngsten Teams nur eine mögliche weitere Fahrt. Denn die talentierten Jungs und ihre Familien, die Lust auf eine hochwertige Ausbildung haben, werden dann zu einem Partnerverein, anderen ambitionierten Vereinen oder einer der immer mehr aufblühenden kommerziellen Fußballschulen fahren, um genau diese gesuchten Angebote wahrnehmen zu können, anstelle in ihrem Heimatverein vor der Haustüre zu spielen. Für die Münchner Familien ändert sich so oder so fahrtechnisch nichts.

Auch einer möglichen Kritik, die Kinder hätten durch die Aufrechterhaltung der jungen Jahrgänge zu wenig Zeit, um andere Sportarten auszuprobieren, können die Verantwortlichen der Junglöwen klar widersprechen: „Neben der allgemeinen fußballerischen Ausbildung setzen wir im Grundlagenbereich auch auf eine polysportive Ausbildung, welche für die Jungs in diesem Alter wesentlich ist. So werden im Training, aber auch in außersportlichen Teammaßnahmen, ständig andere Sportarten integriert“, ergänzt Ludwig Schneider.

Ein wesentlicher Bestandteil der Löwenausbildung ist zudem die Eltern- bzw. Familieneinbindung mit begleitender Freizeitgestaltung. „Ein NLZ wird nicht selten als fast schon ‚unmenschlicher‘ Ort dargestellt, an dem Jungs wie Maschinen behandelt und nach Belieben ausgetauscht werden. Wer so etwas behauptet, kennt unser NLZ nicht. Denn wir sind ganz im Gegenteil unglaublich bemüht, einen sehr engen und freundschaftlichen Kontakt zu den Jungs und ihren Familien zu pflegen. Wir wollen, dass es ihnen gut geht bei uns. Wir machen zahlreiche gemeinsame Ausflüge, Weihnachts-und Abschlussfeiern, gemeinsame Turnierabende und vieles mehr und pflegen damit das Vereinsleben. Aber auch Ruhetage, freie Wochenenden und Ferien für die einzelnen Familien sind uns enorm wichtig. Wir sind also wie der Heimatverein von nebenan – nur vielleicht ein bisschen professioneller und mit ausschließlich hochtalentierten Jungs, die wir menschlich, sportlich und schulisch auf ihrem eigenen individuellen Weg unterstützen wollen“, beschreibt U11-Trainer Ludwig Dietrich seine Eindrücke und Erfahrungen nach fünf Jahren im Löwen-NLZ.

Eltern bestätigen diesen Eindruck. Mehrere Interviews und interne Umfragen zeigen, dass ihnen vor allem das familiäre Umfeld und die gemeinsamen Erlebnisse im Gedächtnis geblieben sind. Die Persönlichkeitsentwicklung und der sportliche Fortschritt ihrer Jungs machen sie stolz.

Nicht geteilt wird die Einschätzung, keine Freizeit mehr zu haben. Im Gegenteil, es überwog die Meinung, es sei eine Chance, auch neue Freundeskreise zu erschließen. Die Jungs gaben identische Eindrücke wieder. Das beeindruckende Ergebnis: alle Familien, die den Grundlagenbereich durchliefen, würden diesen Weg genauso wieder bestreiten.

Für NLZ-Leiter Manfred Paula bekräftigen diese Argumente und Auswertungen den eingeschlagenen Weg der Junglöwen: „Der Grundlagenbereich ist ein elementarer Bestandteil unser Ausbildungsphilosophie. Deshalb werden wir auch in den kommenden Jahren auf unsere jüngsten Mannschaften bauen und dabei immer das Wohl der Kinder und ihrer Familien im Blick haben.“

Paula stellt aber auch klar: „Die Abschaffung unserer Teams im Grundlagenbereich war nie Teil unserer Überlegungen, da wir den Wert unserer Mannschaften in diesem Bereich sowohl für uns, aber auch für die Spieler selbst sehr hoch einschätzen. Die aufgeführten Argumente sowie die Auswertungen zeigen deutlich, dass der Grundlagenbereich für unsere Nachwuchsförderung und auch für unsere Teamstruktur wesentlich ist. Wir konnten immer wieder bereits in den jüngsten Teams ein nachhaltiges Grundgerüst in der Teamstruktur verankern. Entscheidend dabei ist, dass wir in der Talentsichtung in diesem Bereich vorausschauend und nachhaltig agieren. Zudem wird deutlich, dass unsere Talente, angefangen bei unseren Jüngsten, bei uns eine sportliche, vor allem aber auch eine individuelle und persönliche Förderung auf höchstem Niveau erhalten.“

Nicht unbedeutend ist dabei die Tatsache, dass der TSV 1860 allgemein einen großen Wert auf seine Nachwuchsarbeit legt. So stammten in den letzten vier Jahren mehr als 50% des Profiteams aus der eigenen Jugend. In der Saison 2020/21 umfasste der Profikader insgesamt 17 Spieler aus dem eigenen Haus, das entspricht einem Anteil von über 60%.

Dennis Dressel, der aus dem Kern der Profimannschaft nicht mehr wegzudenken ist, kam ebenfalls bereits zur U10 zu den Junglöwen: „Für mich wäre es eine Farce, den Grundlagenbereich abzuschaffen. Diese Erfahrungen waren unglaublich hilfreich für meine Entwicklung. Ich verspürte in diesen jungen Jahren auch nie einen zu großen Leistungsdruck, ganz im Gegenteil: der Wohlfühlfaktor und der Spaß standen immer an erster Stelle. Wir waren immer wie eine Familie, der Verein war mein zweites Zuhause. Ab der U15 kam natürlich auch mal ein gewisser Druck dazu. Man will nominiert werden, man will sich viel Spielzeit erarbeiten und so weiter. Aber genau diesen Ansporn und diese Erfahrungen finde ich extrem wichtig für die eigene Entwicklung. Das Wichtigste ist dabei, dass der Spaß am Fußball und das Vertrauen stets im Vordergrund stehen und dies war bei mir in all den Jahren immer der Fall. Auch die Vereinbarkeit von Schule, Familie und Fußball war bei mir, trotz des ein bisschen längeren Anfahrtswegs, nie ein Problem. In den ersten vier Jahren war ich parallel sogar noch aktiv in einem Turnverein. Und auch heute bin ich noch in engem Kontakt mit meinen Kindheitsfreunden aus meinem Heimatdorf. Also zusammenfassend muss ich sagen, ich würde es so genau wieder machen.“

Das Ziel des Grundlagenbereichs wird es bleiben, weiterhin möglichst viele Jungs , die einfach Lust darauf haben, die Ausbildung in einem NLZ zu genießen, in engem Austausch mit ihren Familien nachhaltig und kindgerecht in den Bereichen Schule, Familie, Sport und Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Die enorme Ausbildungserfahrung im NLZ, gepaart mit den Junglöwen-Werten  Gemeinschaft, Bodenständigkeit, Verantwortung, Überzeugung, Fleiß, Leidenschaft und Freude, sind optimale Voraussetzungen für die Zukunft der Jungs und Familien und tragen dazu bei, schon früh eine hohe Identifikation mit dem Verein zu schaffen. Diesen erfolgreichen Weg werden die „die Bayerische“ Junglöwen auch weiterhin gehen.

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