Interview mit Zenta Gastl-Kopp: „Ich hatte ein tolles Leben“

Die Abteilung für Vereinsgeschichte veröffentlicht im Jubiläumsjahr jeden Monat einen Artikel zur Historie der Löwen. Dieses Mal hat Anton Löffelmeier, Mitglied der Abteilung Vereinsgeschichte, mit Zenta Gastl-Kopp gesprochen.

Zenta Gastl wurde 1933 in München geboren und zählt zu den erfolgreichsten Leichtathletinnen der Vereinsgeschichte. Ihre Spezialdisziplin waren die 80-m-Hürden, aber auch im 100-m-Lauf und im Weitsprung war sie sehr erfolgreich. Dreimal (1956, 1960 und 1964 ) nahm sie an Olympischen Spielen teil. Im Jahr 1957 heiratete sie ihren Vereinskollegen Richard Kopp (1934-2015). Sie lebt derzeit in Garmisch-Partenkirchen. Das Interview musste Corona bedingt per Telefon stattfinden.

Liebe Frau Kopp, wie sind Sie zur Leichtathletik gekommen?
Zenta Gastl-Kopp: Das ist ganz einfach, der MTV von 1879 hatte ganz in der Nähe vom Waldfriedhof, wo ich zu Hause war, sein Trainingsgelände. Mein Vater hat gesagt: „Komm, Du musst ein bisserl Sport treiben“. So bin ich zum MTV gekommen.

Wann und warum sind Sie zu den Löwen gegangen?
Zenta Gastl-Kopp: Nach dem ersten Jahr beim MTV haben alle guten Läuferinnen aufgehört, die ganze Mannschaft hat sich aufgelöst und der Trainer Spitzweck ist in Pension gegangen. So war ich praktisch alleine. Bei 1860 kannte ich den Richard [Richard Kopp, der spätere Ehemann] schon und er hat gesagt: „Du musst zu 1860 gehen!“

Die 80 m Hürden waren Ihre „Paradedisziplin“, wie sind Sie gerade auf diese technisch schwierige Disziplin gekommen?
Zenta Gastl-Kopp: Beim MTV gab es eine sehr gute Hürdenläuferin und die suchten noch jemand, der beim Hürdenlauf dabei ist. „Du hast lange Beine, des machst Du!“, sagten sie beim MTV . Aber eigentlich war ich für den Hürdenlauf zu groß, weil der Abstand für meine drei Schritte zu klein war. So musste ich einen kurzen Schritt dazwischen machen. Da ist dann natürlich meine 100-m Zeit auch den Bach runter gegangen. Für mich wären die 100-m-Hürden ideal gewesen.

Aber Sie sind ja noch andere Strecken gelaufen.
Zenta Gastl-Kopp: Ich bin die 100 m gelaufen und später dann auch die 200 m für den Fünfkampf. Überall hatte ich gute Zeiten: Über 100 m waren es z. B. 11,7 sec. Staffel sind wir sowieso immer gelaufen, das hat man einfach so nebenbei gemacht. Weitsprung hab ich auch gemacht, da war ich zwei Mal deutsche Meisterin.

Wie oft haben Sie trainiert?
Zenta Gastl-Kopp: Trainiert haben wir in einer Gruppe, im Winter sehr viel, 4 bis 5 mal die Woche. Im Sommer haben wir dann weniger trainiert, vielleicht zwei Mal die Woche, weil am Wochenende immer Wettkämpfe waren. Begonnen hat das Training so Nachmittag  5 oder 6 Uhr, da konnte dann jeder teilnehmen.

Wie konnten Sie das Training und die Wettkämpfe mit der Schule, dem Studium und dem Beruf verbinden?
Zenta Gastl-Kopp: Für mich als Lehrerin war des ideal, Vormittag war Unterricht, die Vorbereitung konnte ich machen, wann ich wollte und so konnte ich am Nachmittag jederzeit zum Training gehen. Ich war wahnsinnig gerne in der Schule.

Was war ihre beste Saison?
Zenta Gastl-Kopp: Meine beste Saison war eigentlich 1964, da waren die Zwillinge schon auf der Welt [sie wurden 1961 geboren]. Wir haben in Brüssel gewohnt und ich habe beim Universitätssportverein mit den ganz guten Leuten trainiert. Die haben ganz neue Trainingsmethoden gehabt. Die belgischen Läufer waren bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964 sehr erfolgreich. Da war ich super in Form, auch im Weitsprung. Ich bin quasi aus dem Stand 6,20 m gesprungen.

An einem Thema kommt man natürlich nicht vorbei – das ist Ihr Weltrekordlauf.
Zenta Gastl-Kopp: Das war am 29. Juli 1956 in Frechen bei einem Vorbereitungslehrgang zu den Olympischen Spielen in Melbourne. Da waren alle gute Hürdenläuferinnen Deutschlands beisammen und da bin ich halt dann Weltrekord gelaufen [Anm.: 10,6 Sek. über 80 m Hürden]. Der war net geplant. Im Laufe dieser Zusammenkunft, wo alle guten Läuferinnen beisammen waren, ist es halt dann passiert.

Bei den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne schied Zenta Kopp als Weltrekordinhaberin und Favoritin im 80-m-Hürden-Zwischenlauf aus.

Und dann reisten Sie als Favoritin zu den Olympischen Spielen nach Melbourne?
Zenta Gastl-Kopp: Ja, die Spiele haben erst im November [Anm.: 22. November] begonnen. In der Zeit war es für mich als Münchnerin fast unmöglich zu trainieren. Richard (Ehemann) und ich haben dann in der Sportschule Grünwald trainiert und mussten die Laufbahnen vor dem Training vom Schnee freiräumen, damit wir überhaupt laufen konnten. So eine Vorbereitung wär heute überhaupt nicht mehr vorstellbar.

Wie große war die Enttäuschung, dass es nicht zu einer Medaille gereicht hat?
Zenta Gastl-Kopp: Ja mei, ich bin dann im Zwischenlauf (Halbfinale) ausgeschieden und war halt eigentlich nicht mehr in Form.

Es war ja das erste Mal, dass eine gesamtdeutsche Mannschaft an den Start ging. Wie war das Verhältnis zu den Sportlern aus der damaligen Ostzone?
Zenta Gastl-Kopp: Wir hatten praktisch zu den anderen Sportlern keine Kontakte, die waren total von uns abgeschottet. Wir waren nur beim Einzug an der Eröffnungsfeier beisammen. Wir haben uns im Olympischen Dorf auch nicht getroffen. Ich weiß nicht, wo die gewohnt haben.  Auch vier Jahre später in Rom hatten wir keinen Kontakt. Eine gemeinsame Mannschaft hatten wir eigentlich nicht. Wir mussten an verschiedenen Orten Ausscheidungswettkämpfe machen, die drei besten westdeutschen mit den drei besten ostdeutschen Sportlerinnen. Die drei Besten dieser Ausscheidungswettkämpfe durften an den Spielen teilnehmen. Im Jahr 1964 vor Tokio bin ich denen so weggelaufen, dass die Karin Balzer, die spätere Olympiasiegerin über 80 m Hürden, einen Meter hinter mir gelandet ist. Ich war so super in Form. Leider hab ich mich dann in Tokio beim Trainingslauf verletzt und konnte dann nimmer starten.

Wie war das Leben im olympischen Dorf?
Zenta Gastl-Kopp: Das war toll. In Melbourne waren die Spiele noch sehr klein, das Olympische Dorf war total überschaubar. Das war einfach sehr schön.

Als Sportlerin sind Sie weit herumgekommen. Aber auch nach Ihrer aktiven Sportlaufbahn hat es Sie in die Welt gezogen.
Zenta Gastl-Kopp: Zu meiner Zeit hat es für die Sieger keine Preise gegeben und schon gar keine Geldpreise. Da hat es nur geheißen: „Nächstes Jahr [1956] sind die Spiele in Melbourne, das wär ein tolles Ziel, da möcht ich hin, da möcht ich mit!“ – Die großen Reisen, das waren wirklich unsere großen Anreize. Ich war z. B. auch zweimal in Japan, einmal 1959 zur Promotion-Tour für die Olympische Spiele 1964 in Tokio, um die Leichtathletik dort bekannt zu machen. Und dann 1964 wieder bei den Spielen. Wir waren von 1960 bis 1965 in Brüssel an der Deutschen Schule, sofort nach den Olympischen Spielen in Rom sind wir nach Brüssel gezogen. Dann waren wir fünf Jahre wieder in München und sind von 1970 bis 1975 nach Teheran wieder an die Deutsche Schule gegangen. Dort war mein Mann Leiter der Schule. Das war eine ganz andere Welt, und nachdem ich dort nicht berufstätig war, habe ich mich total in die Sprache gestürzt. Ich konnte die Sprache, Farsi, wirklich gut und konnte es sogar schreiben.  Von 1982 bis 1989 waren wir dann in Gran Canaria an der Deutschen Schule. Ich hatte ein tolles Leben.

Und noch eine abschließende Frage an die Sportlerin: Wie ist Ihr derzeitiger Fitnesszustand?
Zenta Gastl-Kopp: Ich bin noch ziemlich fit, mir fehlt nix. Ich spiele zwei Mal die Woche Tennis, halt Doppel, und dann bin ich in einer Wandergruppe. Wir wandern jeden Mittwoch, schon seit 40 Jahren, egal wie es Wetter ist. Man muss sich halt bewegen. Die erste Corona-Zeit war schon schwierig, aber dadurch dass ich nur fünf Minuten vom Fuß des Wank entfernt wohne, bin ich jeden Tag irgendwohin gegangen. Wenn ich da nicht wirklich hinaus gekommen wäre, wär ich verrückt geworden.

Teil 1: Die Gründung eines Traditionsvereins – 160 Jahre TSV München von 1860

Teil 2: Echt turnerische Brüderlichkeit

Teil 3: Die Stadiongeschichte(n) der Fußballer des TSV 1860

Teil 4: Der Verein wächst

Teil 5: Der Verein zwischen 1914 und 1933 – eine sportliche und politische Vereinsgeschichte

Teil 6: TSV 1860 von 1933-1945 – Die NS-Zeit: Ein dunkles Kapitel in der Vereinsgeschichte

Teil 7: Die Ära Wetzel: Sportliche Erfolge haben ihren Preis

Teil 8: Die Zeit von 1970-1990: Anfangs auf und ab – später Lizenzentzug

Teil 9: Die Ära Wildmoser von 1990-2004: Aufstieg und Fall einer Vereinsikone

Teil 10: Turbulente Zeiten 2004 bis 2014

Teil 11: Mehr als Fußball: Der TSV 1860 von 2014 bis 2021

Bilder aus 16 Jahrzehnten Sechzig

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