Turbulente Zeiten 2004 bis 2014

Die Abteilung für Vereinsgeschichte veröffentlicht im Jubiläumsjahr jeden Monat einen Artikel zur Historie der Löwen. Dieses Mal berichtet Manfred Forster über die sehr unruhige Zeit nach dem sportlichen Abstieg aus der Fußball-Bundesliga 2004, den Umzug in die Allianz Arena und einem zu dieser Zeit aberwitzigen Verschleiß an Präsidenten, Trainern, Geschäftsführern und Spielern.

Mit gänzlich neuem Personal in allen Ebenen gab es für die Löwen nach dem Abstieg aus der Bundesliga in der Zweitligasaison 2004/05 nur den sofortigen Wiederaufstieg als Ziel. Schließlich sollte die Premierensaison in der Allianz Arena in der folgenden Spielzeit standesgemäß als Erstligist angetreten werden.

Bis zur Fertigstellung der Arena in Fröttmaning spielte der TSV 1860 zur großen Freude der Fans endlich wieder im altehrwürdigen Grünwalder Stadion, damals noch für 21.272 Zuschauer zugelassen. Einige sogenannte Hochrisikospiele mussten aber im Olympiastadion ausgetragen werden (sog. 13+4 Lösung).

Rudi Bommer war der erste Löwen-Trainer nach dem Bundesliga-Abstieg 2004.

Der Saisonstart unter dem neuen Trainer Rudi Bommer verlief äußerst holprig. Trotz 13 teils namhafter Neuzugänge wie z.B. Karlheinz Pflipsen, Marco Gebhardt, Timo Ochs, Patrick Milchraum, Pascal Ojigwe, Michal Kolomaznik, Slobodan Komljenovic und Emmanuel Krontiris kam die Mannschaft nicht in Tritt. Einem 2:2 gegen die SpVgg Unterhaching zum Auftakt folgten einige bittere Niederlagen wie z.B. das 2:4 gegen Wacker Burghausen vor heimischem Publikum. Das deutliche 1:5 am Aachener Tivoli am 15. Spieltag bedeutete das Ende von Rudi Bommer beim TSV 1860. Nachfolger wurde Reiner Maurer, der den Löwen neues Leben einhauchte und eine Serie von 16 Spielen ohne Niederlage hinlegte. Nach den 4:0-Auswärtssieg bei Dynamo Dresden hatte man zwischenzeitlich sogar Rang drei erobert, verspielte den Aufstieg dann aber durch drei Unentschieden in Folge gegen Teams aus der unteren Tabellenregion. Am Ende stand der undankbare 4. Platz zu Buche, die Eintracht aus Frankfurt hatte im Fernduell um den Aufstiegsrang die Nase leicht vorn.

Reiner Maurer (Mitte) mit Präsident Karl Auer (li.) und Geschäftsführer Roland Kneißl (re.) beerbte Rudi Bommer als Trainer.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte wohl niemand im Umfeld der Löwen, dass dies die beste Platzierung in insgesamt 13 Spielzeiten in der Zweiten Liga bis 2017 bleiben sollte. Dem Aufstieg in das Oberhaus des deutschen Fußballs kam man seitdem nie wieder so nah.

Nach dieser Spielzeit begann für den TSV 1860 München mit dem Eröffnungsspiel im Mai 2005 gegen den Club aus Nürnberg (3:2) das Kapitel Allianz Arena. Leider sollten sich viele Hoffnungen und positive Prognosen im Zusammenhang mit dem Stadionbau für die Münchner Löwen nicht erfüllen.

Die Westtribüne in der Allianz Arena sieht nach wie vor Giesing als angestammte Heimat.

Die Spielzeit 2005/06 begann vielversprechend, einem 2:1-Auftakterfolg bei LR Ahlen folgte vor über 51.000 Zuschauern ein fulminanter 4:1-Sieg gegen Hansa Rostock bei der Punktspielpremiere im neuen Stadion. Trotz eines äußerst beachtlichen Zuschauerschnitts von fast 42.000 Fans pro Spiel machte bald der Ausdruck „Arena-Fluch“ die Runde, da die Löwen in Fröttmaning oft als Verlierer vom Platz gingen. Im Saisonverlauf rutschte die Mannschaft immer mehr in die unteren Tabellenregionen ab und sicherte sich erst am vorletzten Spieltag vor 60.000 Zuschauern gegen den 1. FC Saarbrücken (1:0) den Klassenerhalt. Da hatte längst Walter Schachner das Traineramt von Rainer Maurer übernommen, der aber bei den Löwen genauso wenig glücklich wurde wie der von Rapid Wien verpflichtete Steffen Hofmann.

Für 11,3 Millionen Euro gingen 2006 die Anteile der Löwen an der Allianz Arena an den FC Bayern.

Parallel zum sportlichen Niedergang geriet der TSV 1860 im Frühjahr 2006 immer mehr in eine Finanz- und Führungskrise. Der neue Präsident Alfred Lehner verkündete den entsetzten Fans und Mitgliedern, dass der TSV 1860 München kurz vor der Insolvenz stehe. Der ebenfalls neue Finanz-Geschäftsführer Dr. Stefan Ziffzer verkaufte daraufhin die 50% Anteile der Löwen an der für ca. 340 Millionen Euro errichteten Arena für  11,3 Millionen Euro an den Lokalrivalen von der Säbener Straße. Damit war die Insolvenz vorerst abgewendet.

Der Goldene 1989er-Jahrgang gewann für die Löwen die U17-Meisterschaft und wurde mit Deutschland U19-Europameister (v. li.): Trainer Marco Kurz, Timo Gebhart, Florian Jungwirth, Sven und Lars Bender.

Die Jugendarbeit des Klubs machte dagegen in diesen Zeiten erfreuliche Schlagzeilen. Die B-Junioren (U17) holten 2006 zum ersten Mal die Deutsche Meisterschaft und der DFB verlieh die Fritz-Walter-Medaille an die Brüder Lars (Gold, Jahrgang 1989) und Sven Bender (Bronze, Jahrgang 1989) sowie an Alexander Eberlein (Silber, Jahrgang 1988).

In den folgenden Spielzeiten entwickelten sich die Löwen immer mehr zu einer durchschnittlichen grauen Maus im Fußball-Unterhaus. Der Zuschauerschnitt sank rapide, in der Saison 2009/10 sogar unter 20.000, damit hatte man den Schnitt des Premierenjahres innerhalb kurzer Zeit halbiert.

Benny Schwarz im DFB-Pokal gegen Franck Ribery. Die Bayern gewinnen durch einen unberechtigten Elfmeter in der Verlängerung.

Für etwas Abwechslung sorgte nur der DFB-Pokal. Im Februar 2008 wurde der TSV 1860 als Gegner des Lokalrivalen FC Bayern gezogen. Ein leidenschaftlicher Kampf einer sehr jungen Löwenelf wurde leider nicht belohnt. Erst in der Verlängerung gewann der haushohe Favorit durch einen unberechtigten Elfmeter in der 120. Minute.

Eine reale Möglichkeit zum Aufstieg ergab sich in diesen Jahren nie, der sportliche Niedergang setzte sich Jahr für Jahr fort. Einzige Konstante war die Unbeständigkeit und ständig wechselndes Personal auf der Trainerbank. Hier brachten weder alte Haudegen wie Friedhelm Funkel und Ewald Lienen noch damals recht unverbrauchte und unbekannte Trainer wie Alexander Schmidt und Marco Kurz dauerhaften Erfolg.

Stefan Reisinger, ein Torjäger bei den Löwen ohne Fortune.

In dieser Zeit entpuppten sich auch viele als große Hoffnungsträger angekündigte Neuverpflichtungen schon recht bald als sportliche Enttäuschungen. Neben dem bereits erwähnten Steffen Hofmann fanden sich beispielsweise auch EM-Teilnehmer Grigoris Makos, Torjäger Stefan Reisinger, Ismael Blanco, Alexander Ludwig, Eke Uzoma oder Florin Lovin bei den Löwen nie zurecht.

Besonders schmerzhaft für die Fans war der vorzeitige Verkauf von jungen, hoffnungsvollen und zumeist aus der Region stammenden Nachwuchsspielern, um die ständig klammen Kassen zu füllen. So wurden unter anderem Sven und Lars Bender (2009), Timo Gebhart (2009), Julian Baumgartlinger (2009), Peniel Mlapa (2010), Moritz Leitner (2011) und Kevin Volland (2012) viel zu früh abgegeben.

Da Zweitligaspiele, die oft vor ca. 50.000 leeren, grauen Sitzschalen stattfanden, kaum attraktiv zu vermarkten waren, fehlten den Löwen weiterhin dauerhaft die Einnahmen aus der lukrativen Vermarktung der Business-Seats in der Allianz Arena.

1860-Präsident Dieter Schneider (re.) stellt den neuen Hauptanteilseigner Hasan Ismaik (li.) vor.

Dadurch blieb die finanzielle Situation weiter angespannt, im Saisonverlauf 2010/2011 sprachen Geschäftsführer Robert Schäfer und Präsident Dieter Schneider mehrmals davon, dass die Löwen kurz vor der Insolvenz stehen. Nachdem bereits im Jahr zuvor Gerüchte über den Einstieg eines Investors aus dem arabischen Raum kursierten, konkretisierten sich diese Anfang April 2011, als der jordanische Geschäftsmann Hasan Ismaik Interesse an einem Einstieg beim TSV 1860 bekundete.

In den folgenden Wochen wurden mehrere Bedingungen erfüllt, so verzichteten unter anderem die Gläubiger von 1860 München auf 40 Prozent der jeweiligen Forderungen. Der Kooperationsvertrag zwischen dem TSV 1860 und Hasan Ismaik wurde am 30. Mai 2011 unterzeichnet. Hasan Ismaiks Firma HAM International Limited mit Sitz in Dubai wurden 60 Prozent der Anteile der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA übertragen. Im Gegenzug wurde durch eine Überweisung von 18,4 Millionen Euro der TSV 1860 München vor der drohenden Insolvenz gerettet.

Um die 50+1-Regel einzuhalten, hält Ismaik allerdings nur 49 Prozent der Stimmrechte. Zum Einstieg formulierte Hasan Ismaik bereits seine Ziele: „Wir wollen die Sechziger stark machen, wir wollen keine finanziellen Löcher mehr, wir wollen innerhalb von drei Jahren in die Erste Liga.“

Bei den Fans löste diese Nachricht gemischte Reaktionen aus. Während ein Teil eine erfolgreiche sportliche Zukunft kommen sah, waren viele Stadionbesucher sehr kritisch eingestellt und lehnten diese Kooperation vollständig ab. Es folgte u.a. ein Boykott der aktiven Fanszene in der Allianz Arena, was neben der oftmals sehr geringen Auslastung zu noch weniger Stimmung und Fußballatmosphäre führte. Die Heimspiele zu dieser Zeit waren harte Kost…

Zumindest außerhalb des Fußballs gab es aber positive Nachrichten. Nach drei Jahren als Unterabteilung konstituierte sich der „Rollsport“ am 28. Februar 2012 als 12. eigenständige Abteilung im TSV München von 1860. Angeboten wird seitdem neben Rollhockey auch Inline-Hockey sowie Roller Derby.

Die Spielzeiten 2012/13 und 2013/14 verliefen ähnlich wie die Jahre zuvor, großen Ankündigungen vor der Saison folgte recht schnell die Ernüchterung, eine richtige Chance aufzusteigen bestand zu keiner Zeit.

Gabor Kiraly rettet gegen BVB-Stürmer Marco Reus.
Trainertalk beim DFB-Pokalspiel: Friedhelm Funkel und Jürgen Klopp.

Wenigstens der DFB-Pokal brachte noch einmal die große Fußballwelt zurück zu den Löwen. Im September 2013 war Borussia Dortmund unter Trainer Jürgen Klopp zu Gast in der Allianz Arena. Nach aufopferungsvollem Kampf und fantastischer Unterstützung der 71.000 Zuschauer musste sich die Elf von Trainer Friedhelm Funkel dem großen Favoriten erst in der Verlängerung mit 0:2 geschlagen geben.

Teil 1: Die Gründung eines Traditionsvereins – 160 Jahre TSV München von 1860

Teil 2: Echt turnerische Brüderlichkeit

Teil 3: Die Stadiongeschichte(n) der Fußballer des TSV 1860

Teil 4: Der Verein wächst

Teil 5: Der Verein zwischen 1914 und 1933 – eine sportliche und politische Vereinsgeschichte

Teil 6: TSV 1860 von 1933-1945 – Die NS-Zeit: Ein dunkles Kapitel in der Vereinsgeschichte

Teil 7: Die Ära Wetzel: Sportliche Erfolge haben ihren Preis

Teil 8: Die Zeit von 1970-1990: Anfangs auf und ab – später Lizenzentzug

Teil 9: Die Ära Wildmoser von 1990-2004: Aufstieg und Fall einer Vereinsikone

Bilder aus 16 Jahrzehnten Sechzig