TSV 1860 von 1933-1945 – Die NS-Zeit: Ein dunkles Kapitel in der Vereinsgeschichte

Die Abteilung für Vereinsgeschichte veröffentlicht im Jubiläumsjahr jeden Monat einen Artikel zur Historie der Löwen. Diesmal befasst sich Bernd Oswald mit der Zeit zwischen 1933 und 1945, als Nationalsozialisten den Ton beim TSV 1860 angaben.

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begann die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland. Der TSV 1860 stand den neuen Machthabern und ihre Zielen wohlwollend gegenüber: „Der Turn- und Sportverein München von 1860 begrüßt freudig die aus der völkischen Umgestaltung entsprungene Wiedergeburt deutschen Volkstums, deutscher Einheit und innerer Freiheit. Aus diesen Eigenschaften erhofft er sich den Wiedergewinn der Macht und des Ansehens für Deutschland und die Völker“, heißt es in einer Erklärung des Vereins vom 21. März 1933.

Die Nazis begannen in allen Lebensbereichen mit der Gleichschaltung. Auch die Sportvereine wurden „auf Linie gebracht“. So auch der TSV 1860, der am 26. September 1933 das Führerprinzip beschloss. Die demokratischen Leitungsgremien wurden abgeschafft, der Vorsitzende durch einen Führer abgelöst, dessen Amtszeit zeitlich nicht beschränkt war. Zum ersten Vereinsführer wählten die Mitglieder den deutsch-national gesinnten Turner Wilhelm Hacker, der schon seit 1932 Vereinsvorsitzender gewesen war.

In Hackers kurze Amtszeit fiel die Wiedervereinigung der zehn Jahre lang getrennten Vereine: Im März 1934 löste sich der Sportverein (SV) auf; seine Abteilungen traten dem Turnverein (TV) bei, der sich nun wieder Turn- und Sportverein München von 1860 nannte. 1934 trat Hacker die Vereinsführung an Fritz Ebenböck ab, ein langjähriges Mitglied von NSDAP und SA, der 1923 am Hitler-Putsch auf die Feldherrnhalle teilgenommen hatte. Auch seine Nachfolger Ludwig Holzer (1935-36) und Emil Ketterer (1936-45) waren beim Hitlerputsch dabei gewesen und hatten dafür den so genannten „Blutorden“ erhalten. In der Fußballabteilung dauerte es bis 1941, ehe dort mit Sebastian Gleixner ein NS-Mann an der Spitze stand.

1935 beschloss der TSV 1860 – wie von Reichssportführer Hans Tschammer von Osten verfügt – die so genannte  Einheitssatzung, die die Vereine verpflichtete, den Arierparagraphen zu beachten. Das hatte den Ausschluss der jüdischen und nicht-arischen Mitglieder zu Folge. Zu diesem Zeitpunkt dürfte der TSV 1860 allerdings ohnehin kaum mehr jüdische Mitglieder gehabt haben.

Seit Beginn der Dreißiger Jahre war der Verein in großen finanziellen Schwierigkeiten: So konnte er die Tilgungsbeiträge und Zinsen für den Bau des Heinrich-Zisch-Stadions nicht mehr bezahlen und bekam keine neuen Kredite mehr. In dieser prekären Lage machten sich die guten Verbindungen der Vereinsführung zur Münchner NSDAP-Stadtratsfraktion bezahlt. Vereinsführer Emil Ketterer, der selbst für die NSDAP im Stadtrat saß, fädelte den am 13. Juli 1937 vollzogenen Verkauf des Stadions an die Stadt ein. Der Kaufpreis von 357.560 Reichsmark rettete den Verein vor dem Ruin. Das Heinrich-Zisch-Stadion wurde in Hanns-Braun-Kampfbahn umbenannt – Braun war im Ersten Weltkrieg mit seinem Jagdflugzeug tödlich verunglückt.

Sportlich konnte der Verein bis zum Kriegsausbruch weiter große Erfolge feiern. Die Leichtathleten gewannen 1934, 1936, 1937 und 1938 die Deutschen Mannschaftsmeisterschaft. Die Gewichtheber wurden zwischen 1922 und 1938 elf Mal Deutscher Meister und die Geräteturner gewannen 1937 und 1938 die erstmals ausgetragenen deutschen Vereinswettbewerbe.

Die Pokalsiegermannschaft der Löwen 1942 mit dem damals unvermeidlichen Hitler-Gruß im Berliner Olympiastadion.

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 kam der Sportbetrieb bald zum Erliegen. Nur die Fußballer spielten bis zum Kriegsende weiter, wenn auch unter immer schwierigeren Bedingungen. Der Krieg spülte mit Heinz Krückeberg und Ernst Willimowski zwei Spitzenfußballer zu den Löwen, die am 15. November 1942 mit einem 2:0 gegen den favorisierten FC Schalke 04 den Tschammer-Pokal (Vorläufer des DFB-Pokals) gewannen.

Je länger der Krieg dauerte, desto mehr wurde München zum Ziel von Luftangriffen. Im September und Oktober 1943 wurde das ehemalige Sechzger Stadion von Bomben getroffen, die die Sitztribüne völlig zerstörte und die Stehhalle stark beschädigte. Das Vereinsheim an der Auenstraße wurde im März und Juli 1944 durch Luftangriffe schwer beschädigt.

Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Haupttribüne des Stadions an der Grünwalder Straße.

Bis zum Kriegsende 1945 waren alle Sportplätze zerstört. Viele Vereinsmitglieder waren an der Front oder durch Fliegerangriffe ums Leben gekommen, darunter der Fußballer Heinz Krückeberg. Die Chronik zum 100-jährigen Vereinsjubiläum 1960 nennt 154 Gefallene und 22 Vermisste.

Wie für das ganze Land bedeutete das Kriegsende auch für den TSV 1860 die „Stunde Null“. Es stand ein in jeder Hinsicht schwieriger Neuaufbau bevor.

Teil 1: Die Gründung eines Traditionsvereins – 160 Jahre TSV München von 1860

Teil 2: Echt turnerische Brüderlichkeit

Teil 3: Die Stadiongeschichte(n) der Fußballer des TSV 1860

Teil 4: Der Verein wächst

Teil 5: Der Verein zwischen 1914 und 1933 – eine sportliche und politische Vereinsgeschichte

Bilder aus 16 Jahrzehnten Sechzig