25 Jahre Aufstieg 1991 – 75 Jahre Karsten Wettberg

Ein Doppel-Jubiläum wurde von der Fußballabteilung (FA) des TSV 1860 am 12. November 2016 mit einer Veranstaltung gewürdigt: Der 75. Geburtstag von Trainer-Legende Karsten Wettberg und sein größter Erfolg, der vor 25 Jahren gefeiert werden konnte: der nach neun Jahren in der Bayernliga lang ersehnte Wiederaufstieg des TSV 1860 in die 2. Bundesliga.

Mit einem 2:1-Sieg über Borussia Neunkirchen hatten die Löwen den Aufstieg klar gemacht und bei ihren leidgeprüften Fans eine grenzenlose Jubelstimmung ausgelöst. Auch 25 Jahre später sorgten die Bilder von damals bei den über hundert Besuchern in der voll besetzten Fußball-Kneipe „Stadion an der Schleißheimer Straße“ für emotionale Erinnerungen. FA-Leiter Roman Beer zitierte in seinen Begrüßungsworten einen Artikel aus der tz von damals: „Der 16. Juni 1991, dieser wunderschöne Aufstiegssonntag nach 3.245 tristen Tagen in der Bayernliga-Verbannung – irgendwann wird auch er wieder Historie sein in den Annalen dieses herrlich verrückten Sportvereins. Irgendwann werden die Fans zusammensitzen im Bierdunst, mit strahlenden Augen erzählen, „weißt noch, wie der Wettberg beim 1:0 seinen Regenschirm zertrümmert hat – Herrschaft, das waren halt noch Zeiten“.

Unter diesem Motto führte Moderator Achim „Sechzig“ Bogdahn (Bayern 2 Radio) durch den Abend, an dem mehrere Protagonisten der damaligen Zeit auf dem Podium von ihren Erlebnissen berichteten. Hauptfigur war natürlich der „König von Giesing“, Karsten Wettberg, der wie immer mit zahlreichen Anekdoten aufwartete. Aus dem damaligen Team waren Roland Kneißl, Horst Schmidbauer und Reiner Maurer anwesend, die alle auch nach ihrer Spielerkarriere mit dem TSV 1860 zu tun hatten bzw. noch haben: Kneißl konnte heuer sein 30-jähriges Jubiläum beim TSV 1860 feiern und war bereits als Co-Trainer, KGaA-Geschäftsführer und Leiter der Fanartikel-GmbH tätig. Schmidbauer ist Lehrer am Theodolinden-Gymnasium, einer der Partnerschulen der Löwen-Jugend. Und Reiner Maurer, aktuell bei einem thailändischen Zweitligisten beschäftigt, war bekanntlich bereits zweimal Trainer der Löwen-Profis.

Auch die Erinnerungen der Fans kamen bei der Gesprächsrunde nicht zu kurz. 1860-Archivar Franz Hell, der als „Allesfahrer“ und „Edel-Fan“ nicht nur bei allen Spielen, sondern auch bei der internen Aufstiegsfeier dabei war, hatte zudem noch ein besonderes Erinnerungsstück mitgebracht: den Pokal, den Karsten Wettberg als Geschenk von einem Fanclub zum Aufstieg 1991 bekommen und beim Empfang auf dem Rathausbalkon präsentiert hatte.

Und „Löwenbomber“ Axel Dubelowski hatte neben zahlreichen Fotos und Zeitungsausschnitten aus seinem Archiv auch einige persönliche Geschichten aus der damaligen Zeit mitgebracht, die er zum Besten gab. Unter anderem erinnerte er sich an seine Erlebnisse mit dem damaligen Stürmer Guido Erhard, der später an Depressionen erkrankte und sich das Leben nahm. Roland Kneißl ergänzte dazu, dass Erhard auf die Frage seiner Mitspieler, warum er zu studieren aufgehört habe, antwortete: „Weil ich an der Uni nie einen Parkplatz gefunden habe.“ Horst Schmidbauer, der im Frühjahr 1991 als Lehramts-Student gerade im Prüfungsstress steckte, meinte daraufhin, dass er dieses Problem gelöst hatte, in dem er sein Auto immer dem Obststand-Didi zum Einparken überließ.

Auch Wettbergs Karriere vor seine Zeit bei den Löwen wurde betrachtet und dabei natürlich die vielen Duelle seiner früheren Vereine gegen den TSV 1860. Wettberg erinnerte sich, dass er und das Hachinger Präsidium nach einem Sieg mit der SpVgg Unterhaching gegen die Löwen das Grünwalder Stadion durch den Hintereingang verlassen sollten. Als auch dort aufgebrachte Löwen-Fans warteten, wurde die Tür schnell wieder geschlossen, aber Wettberg stand bereits draußen und musste sich in einem Spurt in ein Taxi retten. Jahre später, Wettberg war inzwischen Löwen-Trainer geworden, kam einer der beteiligten Fans auf ihn zu und entschuldigte sich kleinlaut.

Schließlich ließ man einige Höhepunkte auf dem Weg zur Bayernliga-Meisterschaft Revue passieren. Das vorentscheidende Spiel gegen den Verfolger SpVgg Weiden fand dabei am Gründonnerstag 1991 statt. Horst Schmidbauer: „Kurz vor dem Spiel begann es auf einmal heftig zu schneien und jeder von uns rechnete mit einer Absage.“ Es wurde dann doch gespielt und auf schneebedecktem Boden siegten die Löwen nach zwei Kopfballtoren Schmidbauers, die beide aus Standardsituationen hervorgegangen waren, mit 2:0.

In der Aufstiegsrunde zur 2. Liga kam es dann gleich beim ersten Spiel in Neunkirchen zu einem hart geführten Duell, bei dem Karsten Wettberg nach einem Foul an Roland Kneißl im Getümmel einen Zivilpolizisten gestoßen haben soll. Wettberg: „Ich habe mich dabei sicher nicht astrein verhalten. Aber wenn man schon immer zu den kleinsten gehört hat und auch im Alphabet immer ganz hinten kam, hat man früh gelernt, sich zu wehren. Und der Schutz meiner Spieler ging mir stets über alles.“

Auch das vorentscheidende Aufstiegsrundenspiel in Kassel, das mit einem völlig unerwarteten 2:0-Sieg endete, wurde natürlich intensiv besprochen. Nach Betrachtung eines Videos von diesem Spiel zitierte Autor Uli Niedemeier dazu aus seinem Buch. Franz Hell erinnerte sich, wie man zunächst um ein Unentschieden gezittert hatte und wie dann nach dem Führungstreffer in der 80. Minute alle Dämme brachen. Tausende erwachsene Männer hatten Tränen in den Augen. „Seit Kassel weiß ich auch, wie Männer küssen“, erzählte Roland Kneißl. Und Reiner Maurer, der damals wie viele Mitspieler voll berufstätig war, berichtete, dass er nach der Rückkehr aus Kassel am Donnerstag-Morgen natürlich wieder in die Arbeit gehen musste.

Zum Abschluss wurde auch auf die anschließende Zweiliga-Saison 1991/92 eingegangen, die bekanntlich mit dem Abstieg endete. Neben einigen damaligen Neuverpflichtungen, die sich nicht in die Mannschaft integrieren konnten, wurde unter anderem auch das Verhalten der Verantwortlichen kritisiert, die schon früh in der Saison Trainer Karsten Wettberg in Frage gestellt hatten (die Entlassung folgte dann vor Beginn der Relegation). „Ich war sicher nie ein Diplomat und meine Einmischung in den Präsidenten-Wahlkampf im Herbst 1991 war sehr unklug“, resümierte Wettberg. „Aber ich konnte immer in den Spiegel schauen.“

In Bezug auf die Aufstiegsmannschaft von 1991 stellte Horst Schmidbauer abschließend fest: „Wir konnten uns damals fast alle auf Bairisch unterhalten. Und wir waren ein Beispiel dafür, dass man Erfolg nicht kaufen kann.“ Auch Roland Kneißl bestätigte diese Sichtweise („Wir waren eine Einheit.“) und Reiner Maurer ergänzte: „Diese Einheit war ein Verdienst von Karsten Wettberg. Wir waren alle mit viel Herzblut dabei.“

Am Ende des Abends wurden von vielen Fans noch Geschenke an Karsten Wettberg überreicht. Wettberg hatte zudem um Spenden für den schwer erkrankten ehemaligen Löwen-Stürmer Olaf Bodden gebeten, für den dann bei den Anwesenden  gesammelt wurde. „Ein rundum gelungener Abend mit vielen schönen Erinnerungen“, so lautete der Tenor von vielen Besuchern der Doppel-Jubiläums-Veranstaltung.